HR034 – Planet Alsen

30 Jahre Planet Alsen: Ein Lost Place mit Industrie- und Kulturgeschichte

Für unser „come back“ haben wir uns zwei besondere Künstler an einem besonderen Ort vor das Mikrofon geholt: Setus Studt, der geistige Vater von Planet Alsen, und Mirko Reisser aka DAIM der Graffiti-Artist aus Hamburg, mit dem wir übrigens in Folge HR026 (HR026 Hamburg Graffiti – eine bunte Zeitreise) schon einmal gepodcastet haben.

In der heutigen Folge geht es um einen Lost Place vor den Toren Hamburgs, der sich seit über 30 Jahren zu einem Hotspot der norddeutschen Sprayer-, aber auch der Lost-Place-Szene entwickelt hat. Wer auf Instagram das Hashtag #PlanetAlsen eingibt, findet schnell über 1000, oft sehr farbenfrohe Fotos dieser ehemaligen Industrieanlage bei Itzehoe.

360° Graffiti im ehemaligen Schlämmbottich mit der Skulptur „Fönx“ von Robert Schad 

Bevor wir zu unserer neuen Podcast-Episode kommen, eine kurze Erklärung, was „Planet Alsen“ überhaupt ist: Alles begann in der Kreidezeit vor etwa 66 Millionen Jahren. Meeresablagerungen aus der Kreidezeit bilden die Grundlage für die reichen Vorkommen an feiner weißer Schreibkreide im Raum Lägerdorf, unweit von Itzehoe, die ein Grundstoff für die Zementherstellung ist. Mit dem Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert steigt auch der Bedarf an Zement für den Bau von Industrieanlagen in den Städten. Es ist daher wenig verwunderlich, dass auch der industrielle Abbau von Kreide Mitte des 19. Jahrhunderts in Schleswig-Holstein beginnt. Im Jahr 1863 gründete der Namensgeber Gustav Alsen die Alsen’sche Portland-Cement-Fabrik bei Itzehoe. Das Unternehmen erlebte mit der Produktion des sogenannten Portlandzements einen schnellen Aufschwung. Über einen längeren Zeitraum exportierte es auch in Überseemärkte. Durch die Übernahme von Konkurrenten und deren Werken in Lägerdorf und Uetersen sowie durch zahlreiche Fusionen und Namensänderungen wurde aus den ursprünglichen Alsen’sche Portland-Cement-Fabriken im Jahr 2003 schließlich die „Holcim (Deutschland) AG“. Das Itzehoer Stammwerk von Alsen war allerdings bereits 1982 stillgelegt worden. Ein Großteil der ehemaligen Fabrikgebäude wurde später abgerissen, erhalten blieben jedoch die heutigen Gebäude von Planet Alsen.

Setus Studt und Christoph in den Ausstellungsräumen von Planet Alsen

Ein besonders auffälliges Bauwerk auf dem Gelände ist der letzte erhaltene Schlämmbottich. Es handelt sich dabei um eine Rotunde mit einem Durchmesser von 32 Metern. In ihr wurde der Zementschlamm, wie in einem riesigen Mixgerät, mit einem großen Rührstab durchgerührt und auf diese Weise homogenisiert. Heute bieten besonders die erhaltenen Wände dieser Rotunde eine ideale Fläche für Graffiti-Künstler:innen und Musiker:innen nutzen diesen Raum, da er aufgrund seiner Form einen besonderen Nachhall erzeugt.

„Soundcheck“ im Schlämmbottich! 

Heute sprechen wir mit Setus und Mirko über die Geschichte dieses faszinierenden Ortes, unternehmen einen Rundgang durch die Anlage und werfen natürlich auch einen Blick auf die Zukunft von Planet Alsen sowie die Ideen, die die beiden dazu entwickelt haben.

Wer sich über Alsen informieren möchte, sollte entweder direkt nach Alsen kommen, -Kamera nicht vergessen! -, oder das Kreismuseum „Prinzeßhof“ in Itzehoe besuchen. 

Dort ist der Geschichte dieses ehemaligen Zementwerks ein ganzer /ein eigener Raum gewidmet. 

Unsere Gäste: Setus Studt (links) und Mirko Reisser

Setus Studt 

(Setus Studt – Planet Alsen)

Setus, geboren 1954 in Itzehoe, ist freischaffender Künstler und Autodidakt, der seit 1985 die ehemalige Zementfabrik Alsen fotografisch dokumentiert. Was zunächst als Projekt zur Erhaltung der historischen Industrieanlage für die Nachwelt begann – angesichts eines geplanten Abrisses, der letztlich nur teilweise durchgeführt wurde –, entwickelte sich zu (s)einem umfassenden künstlerischen Projekt:

Aus seinen dokumentarischen Fotografien entwickelte er das Projekt „Planet Alsen“ , das die geheimnisvolle Welt des ehemaligen Industriegeländes als inspirierenden Kulturraum zeigt. Die Fotografien dienen dabei als künstlerische Zeugnisse, die die einzigartige Atmosphäre des Ortes einfangen.

Seit 2002 arbeitet er in einem Atelier direkt auf dem Alsen-Gelände und lässt sich weiterhin von der Umgebung kreativ inspirieren. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit engagiert er sich seit März 2003 als Ratsherr der Stadt Itzehoe und Mitglied des Kulturausschusses aktiv in der Kulturpolitik.

Mirko Reisser (DAIM)

(Mirko Reisser – DAIM)

Mirko, 1971 in Lüneburg geboren, ist ein Künstler, der vor allem durch seine großformatigen Graffiti-Arbeiten im 3D-Stil weltweit bekannt geworden ist. Die wiederholte Darstellung und kreative „Zerlegung“ sowie „Rekonstruktion“ seines Künstlernamens DAIM prägen sein Werk.

Bereits 1989 entstanden erste Graffiti-Arbeiten im öffentlichen Raum, übrigens auch auf Alsen. Ab 1996 studierte er Freie Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern in der Schweiz. Er lebt und arbeitet heute in Hamburg.

Im Laufe seiner künstlerischen Karriere bereiste Mirko Reisser weite Teile der Welt und nahm an zahlreichen Ausstellungen in Museen und Galerien teil. Als Initiator und Mitorganisator hat er zahlreiche international beachtete Kunstprojekte realisiert, Ausstellungen kuratiert und Bücher herausgegeben. Viele dieser Projekte entstanden in Zusammenarbeit mit dem 1999 gegründeten Künstlerkollektiv getting-up.

Zusammen mit den seit Ende der 1980er Jahre aktiven Graffiti-Writern Oliver Nebel, Frank Petering und Andreas Timm veröffentlichte er 2021 das umfassende Werk über Graffiti in Hamburg: „Eine Stadt wird bunt“. Im November 2022 wurde dazu die gleichnamige und viel beachtete Ausstellung (EINE STADT WIRD BUNT – SHMH) im Museum für Hamburgische Geschichte eröffnet.

Links zum Thema

Planet Alsen, Planet Alsen Vision, HR026 Hamburg Graffiti – eine bunte Zeitreise, EINE STADT WIRD BUNT – SHMH, Wikipedia: Itzehoe, Wikipedia: Alsen, Setus Studt – Planet Alsen, Mirko Reisser – DAIM, Vergängliche Graffiti Kunst. Planet Alsen in Itzehoe

HR032 – Framespotting

Ein ganz besonderer Stadtrundgang durch Harburg

Über ein Jahr Pandemie liegt hinter uns und ihr habt lange nichts von uns gehört. Heute haben wir endlich wieder jemanden vor dem Mikro und auf diesen Gesprächspartner haben wir uns besonders gefreut!

Bierflasche aus Harburger Brauerei im Vordergrund - unscharf im Hintergrund Christoph mit Bild in der Hand
Ein Bier aus einer hiesigen Brauerei darf nicht fehlen

Die älteren Semester werden sich vielleicht erinnern, in den 1970er Jahren rief eine große Hamburger Tageszeitung zu einer Schnitzeljagd durch Hamburg auf. Die Leser*innen sollten den „Mann mit dem Koffer“ suchen und wer ihn als erster traf, durfte den Koffer, der mit einer gewissen Geldsumme gefüllt war, behalten. In der Zeitung fand man den einen oder anderen Hinweis zu dem Aufenthaltsort des „Manns mit dem Koffer“ und selbstverständlich waren es oftmals Orte, die den meisten Hamburger*innen bekannt waren. An diese Aktion fühlten wir uns sofort erinnert, als im Hamburg Journal des NDR das Projekt von Paul aka @framespotting_hh, so sein Instagram-Name, vorgestellt wurde.

Im Tunnel unter der Buxtehuder Straße findet das erste Foto seinen Platz
Im Tunnel unter der Buxtehuder Straße findet das erste Foto seinen Platz

Paul ist Hobbyfotograf, der aus beruflichen Gründen in der Welt weit herumgekommen ist und auf seinen Reisen immer eine Kamera dabei hatte. Diese Fotos, zusammen mit den von ihm selbst entwickelten und gebauten Holzrahmen aus alten Pitchpine-Dielen, verteilt er auf langen Spaziergängen nicht nur in Hamburg, sondern auch auf seinen Reisen mit der Familie wie kürzlich ins Allgäu. So entstehen spontane Ausstellungen an zufälligen ausgewählten Orten im öffentlichen Raum und auf diese Weise hat Paul mittlerweile über 300 Fotos in die Welt getragen. Passanten, die diese Fotos in der Stadt finden und mit nach Hause nehmen möchten, sind dazu herzlich eingeladen.  Die einzige Gegenleistung, wenn man das überhaupt so bezeichnen darf, die der Fotograf Paul sich wünscht, ist, dass die neuen Besitzer*innen ihren Fund auf Instagram oder über seine Homepage (https://frame-spotting.com ) veröffentlichen.

Bei bestem Wetter im Harburger Binnenhafen: auf der Zitadellen Brücke wird das zweite Foto angebracht
Bei bestem Wetter im Harburger Binnenhafen: auf der Zitadellen Brücke wird das zweite Foto angebracht

Seine Leidenschaft für die Fotografie und die Idee, die Fotos in die Stadt zu tragen, um sie dort zu verschenken, hat uns direkt angesprochen. Es ist Street Art der ganz besonderen Art, denn genau diese Idee, die analoge Kunst im städtischen Raum bereitzustellen und anschließend im, wenn man so will, digitalen Raum durch den Finder zu veröffentlichen, war für uns der Grund, Paul für einen Podcast zu gewinnen. Hinzu kommt, dass dieses Projekt noch einen spielerischen Aspekt hat, die die Finder*innen und Follower, davon gibt es mittlerweile einige, animiert, sich auf eine Art „Schnitzeljagd durch die Stadt“ einzulassen.

Paul und Christoph von hinten su sehen - schauen auf die Brücke im Binnenhafen
…und angespannt auf die Finder*innen gewartet!

Für die heutige Folge unseres Hafenradios haben wir übrigens mit Paul einen Rundgang durch Harburg gewagt und dabei über sein Projekt, unseren Spaß an der Fotografie und, wie sollte es anders sein, die Stadtgeschichte von Harburg gesprochen. Mit dem Mikro in der Hand starteten wir am AMH und gingen zum Harburger Rathaus, von dort ging es zunächst zum Marktplatz Am Sand, dann an der Lämmertwiete vorbei und durch die Schloßstraße zum Kanalplatz im Binnenhafen. Die Harburger unter euch werden diese Route sicher kennen und vielleicht hat der eine oder die andere auch eines der beiden Fotos entdeckt, die Paul während der Tour gehängt hat. Bei diesem Gang durch die Gemeinde hatten wir uns viel zu erzählen und Harburg steuerte seinen ganz eigenen Sound dazu bei.

Zitat

Er sagt selbst: „Framespotting ist meine Art, Menschen meine Bilder näher zu bringen. Vor allem aber verschenke ich mit Framespotting Freude. Meine Galerie ist die Straße und diese Galerie ist oft nur sehr kurz präsent, denn jeder, der mein Bild findet, darf dieses auch behalten. Ich möchte mit Framespotting erreichen, dass Menschen mit offenen Augen durch die Welt gehen, mehr aufeinander achten und sich wieder über die kleinen Dinge des Lebens freuen. Framespotting soll etwas sein, worüber man sich noch lange zu Hause freuen kann.“

Links zu den Themen
Framespotting auf Instagram, Framespotting Home Page, Bericht Hamburg Journal des NDR, Bericht SAT1 Regional, Beitrag kiekmo „Fünf kleine Streetart Freuden in Hamburg“, Harburger Binnenhafen, Lämmertwiete Harburg – Wikipedia