Wir sind nach längerer Zeit endlich mal wieder in Hamburg unterwegs und besuchen Kay-Peter Suchowa, den die meisten Hörerinnen und Hörer vom hafenradio schon von verschiedenen Ausgrabungen in der Stadt kennen. Wir sind am Joseph-Carlebach Platz, dem ehemaligen Bornplatz, auf dem bis 1939 die Synagoge der jüdischen Gemeinde Hamburgs im Grindelviertel stand.
Abbildung der Bornplatzsynagoge auf dem Grabungsgelände
Die 1906 eingeweihte Synagoge war eine der größten in Deutschland und diente der Deutsch-Israelitischen Gemeinde als Hauptsynagoge. Das Gebäude wurde in der Pogromnacht am 9. November 1938 verwüstet und brannte zu großen Teilen aus. Die Ruine musste 1939 auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgetragen werden. Später wurde das Gelände teilweise mit dem noch heute vorhandenen Hochbunker überbaut. Nach dem Krieg wurde das verbliebene Areal zeitweise als Parkplatz genutzt. Ende der 1980er Jahre wurde der Entwurf der Künstlerin Margrit Kahl umgesetzt, der den Grundriss und das Deckengewölbe der Synagoge in einer Art Mosaik aus Pflastersteinen auf dem Boden abbildet.
Bergung eines Pilasterkapitells aus rotem Sandstein
Seit 2020 sind die Bemühungen, an diesem Ort wieder eine Synagoge zu errichten, mit der Bewilligung von Mitteln für den Wiederaufbau konkret geworden. In diesem Rahmen untersucht das Archäologische Museum Hamburg unter der Leitung von Kay mit verschiedenen sog. Schnitten den Untergrund, um zu klären, was unter der heutigen Oberfläche noch erhalten ist. Kay führt uns durch die verschiedenen Schnitte und Befunde, was sich als eine spannende und bewegende Reise in die jüngere Vergangenheit der Synagoge und jüdischen Lebens in Hamburg herausstellt.
Archäologe und Ausgräber Kay-Peter Suchowa
Nach den Ereignissen vom 7. Oktober 2023 mit 1.239 Toten und über 240 Geiseln bei dem Terrorangriff der radikal-islamischen Hamas auf Israel und dem anschließenden Krieg im Gazastreifen ist auch das Interesse an den Ausgrabungen gestiegen.
Freigelegte Mikwe mit sieben StufenKerzen im Schnee zum Gedenken and die Reichspogromnacht und den terroristischen Überfall am 7. Oktober 2023
Unweit von der Ausgrabung an der Neuen Burg, über die wir in unserem letzten Podcast berichtet haben, findet aktuell eine weitere Grabung des Archäologischen Museums Hamburg statt.
Ein Neubauvorhaben auf einem Areal direkt an der Willy-Brandt-Straße, machte archäologische Untersuchungen notwendig, die das AMH seit September 2019 unter der Leitung der Archäologin und Grabungsleiterin Judith Kirchhofer dort durchführt.
Christoph & Judith stehen auf der Ausgrabungsfläche am Hopfensack.
Das Grabungsareal liegt auf einem historisch bedeutsamen Gelände: Es ist das Ostende der einstigen Reichenstraßeninsel. Die ehemalige Insel verdankt ihren Namen übrigens den reichen Kaufleuten, die sich hier ab ca. 1200 angesiedelt haben. Von der Insel ist jetzt allerdings nichts mehr zu sehen, denn die Fleete, welche die Insel damals umgaben, sind heute zugeschüttet und zu Straßen geworden.
Das Grundstück auf dem die Ausgrabung stattfindet, ist seit dem Mittelalter mit dem Namen „Wiedenburg“ belegt. Die Herkunft dieses Namens ist allerdings unklar. Lange Zeit wurde hier wirklich eine Burganlage vermutet, die Bezeichnung kann aber auch auf einen Familiennamen zurückgeführt werden.
Die archäologische Untersuchung auf dem Gelände soll diese Frage klären, aber auch die Art der mittelalterlichen Bebauung Hamburgs im Mittelalter. Die Bedingungen hierfür sind tatsächlich ausgesprochen günstig, da der Untergrund auf dem ehemaligen Parkplatz weitgehend ungestört ist.
Die von dem Team des AMH bereits freigelegten und eindrucksvoll erhaltenen Fundamentreste der frühen Kaufmannshäuser, werden sicher manch Frage zum mittelalterlichen Hausbau beantworten können.
Fundamente aus Hartholzstämmen sorgten dafür, dass die Gebäude nicht in der Marsch versinken.
An diesem Fundament wird deutlich, wie massiv auf der Reichenstraßeninsel gebaut wurde.
Wir waren sehr beeindruckt von den hervorragend erhaltenen Holzpfählen, massiven Ziegelmauern und mächtigen Findlingen.
Findlinge wie diese (Abb. 3) sind Fremdkörper in der Elbmarsch, sie mussten sehr aufwendig von der Geest zur Fleetinsel transportiert werden!
Judith Kirchhofer und Ihr Team können noch bis Ende April die Geschichte der Reichenstraßeninsel untersuchen, danach entsteht hier ein hochmodernes Gebäude mit Tiefgarage.
Ein besonders schöner Fund ist dieses Fragment einer steinernen Schale die mit einer Maske verziert ist.
Hier der Grund woher unsere Wasserhähne ihren Namen haben: dieser kleine Zapfen hat eine Bohrung sowie eine Handhabe in Form eines Hahns und diente zum zapfen von Flüssigkeiten.
Bleibt noch die Frage nach der Wiedenburg: Haben Judith und Ihr Team schon Spuren von dieser Anlage gefunden? Hört selbst!
Wir haben es wieder getan: Seit November gräbt das Archäologische Museum Hamburg wieder im Bereich der Neuen Burg und wir haben Kay-Peter Suchowa, den Grabungsleiter, nun zum dritten Mal vor das Mikrofon geholt!
Grabungszelt in der „Neue Burg“ Straße
Die Ausgrabungsfläche liegt auf historisch spannendem Gelände, denn das Gebiet gilt als die Keimzelle der 1188 gegründeten Hamburger Neustadt. Direkt unter dem Pflaster der heutigen Straße „Neue Burg“ befinden sich, vom Krieg und dem nachfolgenden Bauboom fast ungestörte, Befunde der mittelalterlichen und neuzeitlichen Bebauung. Wie ein riesiges Puzzle fügen sich die Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen der Hausfundamente sowie des mittelalterlichen Walls zusammen und liefern damit hoch spannende Erkenntnisse zur Stadtgeschichte der Hansestadt.
Kay-Peter Suchowa – Grabungsleiter erklärt die Grabungssituation
Das Gebiet der Neuen Burg gilt als die Keimzelle der Hamburger Neustadt, die durch Kaiser Friedrich Barbarossa 1189 besondere Privilegien erhielt. Mit ihr begann der Aufstieg Hamburgs als Hansestadt. Die Neue Burg war im 11. Jahrhundert die größte Burganlage Norddeutschlands und wurde vom Billunger-Herzog Bernhard II. ab 1021 errichtet. Der mächtige Wall mit 36 m Breite und 5 m Höhe war sicherlich ein weithin sichtbares Zeichen herzoglicher Macht und sicherte den Westen Hamburgs gegen feindliche Angriffe, während der Heidenwall die Stadt nach Osten sicherte. Der Neuen Burg kam damit eine Schlüsselrolle als Nachfolger-Befestigung der Hammaburg zu. Im 12. Jahrhundert wurde die Neue Burg aufgegeben. Danach wurde das Innere der Burg aufgefüllt und die so gewonnene Fläche in annährend gleich große Grundstücke aufgeteilt und bebaut. Die Neusiedler erhielten besondere Rechte, wie zum Beispiel freie Schifffahrt auf der Elbe bis zur Mündung. Im Bereich des heutigen Hopfenmarktes standen neben der ersten Nikolaikirche auch das erste Rathaus und die Münze. Um 1220 wurden die Barbarossa-Privilegien der Neustadt auch auf die Altstadt übertragen, und Hamburg wuchs zusammen. Damit begann der Aufstieg zur Hansestadt.
Wir fragen uns ob Familie Rossi hier ihr Glück gefunden hat.
Archäologisch betrachtet gibt diese wichtige Phase der Hamburger Stadtgeschichte immer noch viele Rätsel auf. Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Neuen Burg als Nachfolgebau der Hammaburg zu. Kay Suchowa hofft nun, mit dieser Ausgrabung neue Erkenntnisse zur Neuen Burg, aber auch zur anschließenden Gründung der Neustadt und damit zu den Wurzeln Hamburgs als Handelsmetropole zu erhalten.
Schnitt 1 – Keller der Familie Leblond
Wie spannend das ist und warum der ein oder andere Ur-Hamburger hier seine Wurzeln finden könnte, kann Euch Kay viel besser berichten – hört mal rein!
Nachdem wir uns in unserem letzten Podcast mit Lost Places beschäftigt haben, sprechen wir diesmal über Streetart und Graffiti in Hamburg und greifen damit ein vielleicht nicht neues, dafür aber sehr junges stadtgeschichtliches Thema auf – besonders auch der Sicht von Archäologen für die das Mittelalter oft schon zu modern ist! Für uns, Christoph und Michael, entwickelte sich diese Hafenradio-Folge zu einer regelrechten Zeitreise in das Hamburg der 80er Jahre, eine Zeit, die uns beide geprägt hat. Beide haben wir quasi hautnah mitbekommen, wie die ersten Graffitis in Hamburg aufgetaucht sind. Musik von der Sugar Hill Gang oder Grandmaster Flash wurde in den Diskotheken (damals waren das noch keine Clubs) wie das Shave, das Bendula oder das Voilà aufgelegt.
Eine Zeit, in der sich viel in Hamburgs Straßen getan hat. Neben Hip-Hop und Sprayern waren unterschiedliche Gruppen unterwegs – Stichwort Popper, Mods, Punks – und in vielen Stadtvierteln gaben Jugendgangs den Ton an wie die Streetboys oder Champs.
Mirko und Christoph im Atelier in Hamburg Rothenburgsort
Wir unterhalten uns in Ausgabe #026 mit Mirko Reisser aka DAIM, der selbst seit 1989 als aktiver Sprayer und Graffiti-Künstler nicht nur in Hamburg unterwegs ist. Unterstützt werden wir von Meike Schade, die uns mit Mirko zusammengebracht hat und uns als Co-Moderatorin ergänzt. Meike, Jahrgang 1984, selbst hat zwar die 80er Jahre nicht „aktiv miterlebt“, ist aber von der Szene seit Kindertagen fasziniert. Die studierte Kunstwissenschaftlerin ist heute hauptamtlich Programmplanerin für die Hamburger Volkshochschule und beschäftigt sich mit Digitalisierung in der Kulturvermittlung. Aus Leidenschaft für Graffiti hat sie auch zahlreiche Führungen und Workshops zum Thema gegeben. Ihre Masterarbeit hat sie über ein Mural Art Projekt mit der spanischen Künstlergruppe Boa Mistura in Kapstadt geschrieben.
Meike Schade
Mirko ist heute als Künstler sehr erfolgreich und – das freut uns besonders – hat mit einigen Mitstreitern (Andreas Timm, Oliver Nebel, Frank Petering) am 28. August ein Crowdfunding mit dem Titel „EINE STADT WIRD BUNT“ gestartet. Dabei geht es um ein Buchprojekt zu den Anfängen der Graffiti- und Hip-Hop-Szene in den 80er und 90er Jahren in Hamburg.
Mirko Reisser
Wer noch eines der Hardcover-Exemplare oder die Collectors Edition, die es nur beim Crowdfunding unter https://startnext.com/einestadtwirdbunt geben wird, ergattern möchte, kann sich noch bis zum 6. Oktober 2019 beteiligen. Ihr könnt auf diese Weise aber auch, quasi als Dankeschön für Eure Unterstützung, exklusive FineArt Prints erwerben oder eine spannende Graffiti-Tour durch die Schanze buchen!
Das hafenradio besucht das Museum Elbinsel Wilhelmsburg (eV). Nach einer kleinen (mehrmonatigen) Pause gehen wir endlich wieder auf Sendung und sind zu Gast bei Jürgen Drygas, Helmut Pohndorf und Claus-Peter Rathjen im Museum Elbinsel Wilhelmsburg. Wir sprechen über die Insel, alte Uhrwerke und Knasttüren, ein Jagdzimmer, das dann doch keines wurde, einen Café-Erlass, Digitalisierung und die bunte Elbinsel mit Migrationshintergrund.
Aussteuerkiste mit hoher Kante
Die Gefängnistür
Am Schluß machen wir noch einen Ausflug in die Ausstellung in der es eine alte Gefängnistür zu sehen gibt – aus Holz und jeder Häftling scheint sich mit seinen Initialen verewigt zu haben. Und dann gibt’s noch einen Wilhelmsburg Deichbruch.
Bier aus Hamburg! Was noch vor einigen Jahren mit nur an die drei verbliebenen Braustätten nach einem Entwicklungsland in Sachen Bierproduktion aussah, war vor über 500 Jahren der ultimative Hotspot des Bierbrauens und des Handels mit dem wohl wichtigsten Nahrungs- und Rauschmittels des Mittelalters überhaupt. Das „Brauhaus der Hanse“ wurde Hamburg genannt und mit seinen mehr als 500 Brauereien bei nur ca. 10.000 Einwohnern im 14. Jahrhundert versteht man warum.
Bierbrauen in Hamburg
Heute entwickelt sich wieder eine aufregende Kreativ- und Craft-Bierszene in der Hansestadt die durch Vielfalt in Sorten, Geschmack und Etikettendesign sowie hervorragende Qualität glänzt! Es tut sich also seit einiger Zeit wieder was in Sachen Brauwesen in Hamburg und ganz Deutschland. Hamburg und Berlin fallen aktuell als kreative Brauorte auf, insbesondere weil hier an viele lokale, regionale und auch internationale Biertraditionen angeknüpft wird: Indian Pale Ale, Berliner Weiße, Stout oder Porter sind nur einige der Sorten die neben dem Pils wieder in den Regalen zu finden sind.
Ralf Wiechmann und Olli Wesseloh in der Kehrwieder Kreativbrauerei
Zeit also, dass sich das hafenradio ausgiebig dem Thema Bier in Hamburg widmet. Wir haben uns in Hamburg Sinstorf in den Räumen der Kehrwieder Kreativbrauerei mit dem Brauer und Inhaber Olli Wesseloh und dem bierkundigen Historiker und Archäologen Ralf Wiechmann vom Museum für Hamburgische Geschichte getroffen, um über Bier zu sprechen.
Ralf Wiechmann
Dr. Ralf Wiechmann hat Ur- und Frühgeschichte, Kunstgeschichte und Volkskunde in Kiel und München studiert. 1994 erhielt er den Preis der Landeshauptstadt Kiel zur Förderung der Wissenschaft. Seit 1994 ist Ralf wissenschaftlicher Abteilungsleiter am Museum für Hamburgische Geschichte für die Bereiche Mittelalter und Numismatik. Seit 2007 ist er stellvertretender Direktor des Museums. Von 1994 an ist Ralf Vertreter Hamburgs in der Numismatischen Kommission der Länder in der Bundesrepublik Deutschland. Forschungsschwerpunkte sind: Stadtgeschichte Hamburgs sowie Münz- und Geldgeschichte Norddeutschlands und Skandinaviens.
Als Appetitanreger hier ein kurzer Auszug aus dem Pressetext: „Im Rahmen der Ausstellung soll an Originalobjekten, schriftlichen Quellen, Modellen sowie inszenatorischen Elementen die Entwicklung des Bierbrauens in Hamburg nachgezeichnet werden. Ausgehend von den ersten Hopfenfunden in der Wikingersiedlung Haithabu wird die Bedeutung des Bieres als Grundnahrungsmittel der mittelalterlichen Bevölkerung deutlich gemacht, um dann einen Ausblick in die Moderne mit ihren industriellen Produktionsweisen und in die Gegenwart zu werfen.“
Ein Besuch der Ausstellung wird sicherlich spannend! Und wer weiß, vielleicht wird es im Rahmen der Ausstellung auch die Chance geben, das eine oder andere Craft-Bier zu verköstigen.
Olli Wesseloh
Oliver Wesseloh ist Dipl.Ing für Brauwesen, Biersommelier und Brauereiberater. Er war viel unterwegs – in der Karibik, dann in Süd-, später in Nordamerika. Er „sah das Licht“ als er in den USA mit den kleinen, unabhängigen Brauereien zusammengearbeitet hat. Die Kreativität und Geschmacksvielfalt der amerikanischen Craft Brewer hat ihn nachhaltig beeindruckt. Seit dem Frühjahr 2012 ist er Diplom-Biersommelier und kehrte im Sommer 2012 mit seiner Familie zurück nach Deutschland wo er mit dem Aufbau der Kehrwieder Kreativbrauerei begann. Im September 2013 hat er die Weltmeisterschaft der Sommeliers für Bier gewonnen.
Das Hafenradio ist wieder einmal zu Besuch im Archäologischen Museum Hamburg. Ausgegraben auf der Harburger Schlossinsel im Süden der Hansestadt. Wir besuchen die zweite Social Media Veranstaltung im Museum. Mehr als 50 Twitterati und Blogger sind gekommen, um mit Bier und Brezeln von Kay-Peter Suchowa durch die Ausstellung „Ausgegraben. Harburg archäologisch“ geführt zu werden und das gesehene und gehörte direkt raus zu twittern. Wie schon in HR004 versteht Kay es spannend zu vermitteln was Archäologie ausmacht.
Start der Führung durch die Ausstellung
Die Führung lohnt sich obwohl – oder gerade weil – die Bilder nur im Kopf entstehen. In den hintersten Ecken der Ausstellung schwächest zwar die Funkübertragung von Kays Mikrofon, aber das Resultat lässt sich dennoch sehr gut hören. Das hervorragende Bier wurde von der Harburger Kreativbrauerei Kehrwieder bereitgestellt.
Was vom Bier übrig bleibt.
Kay-Peter Suchowa hat in den neunziger Jahren in Hamburg Ur-und Frühgeschichte und Ethnologie studiert. Nach verschiedenen archäologischen Stationen in Lübeck, Hameln und Hitzacker ist er nun wieder in seiner Heimatstadt Hamburg als Leiter verschiedener stadtarchäologischen Ausgrabungen tätig.
Nachdem wir für die Harburger Binnenhafen – und Fundpunkte Apps den Praxistest geliefert haben, war es längst überfällig, das auch für die „Mit 100 Sachen durch Hamburg App“ zu machen. Zeitlich passt das ganz gut, nachdem wir uns vor Kurzem im hafenradio Podcast HR007 mit Andreas Pfeiffer unterhalten haben, der sich intensiv mit historischen Photographien aus Hamburg und den dazugehörigen Geschichten befasst. Die 100 Sachen App wurde gemeinsam mit den Museen der Stiftung Historische Museen Hamburg als Teil des von der Kulturbehörde Hamburg geförderten Projekts „Museumswissen on Demand“ realisiert.
Jetzt also, zum Tag der deutschen Einheit bei herrlichem Spätsommerwetter, bietet sich die Gelegenheit die App entspannt zu testen. Vorab vielleicht noch ein paar Worte zur Idee die hinter der App steckt. Die historischen Museen in Hamburg und ihre unterschiedlichen Dependancen haben einen fast unerschöpflichen Fundus an Objekten, Informationen und Geschichten, die zum Teil in den Ausstellungen präsentiert werden oder in den Magazinen und Sammlungen lagern. Allen gemeinsam ist, dass sie einen Bezug zu konkreten Orten in der Stadt haben und diese Verbindung manchmal noch erkennbar ist oder die heutige, veränderte Situation der historischen gegenüber steht. Diese Beziehung zwischen Objekt im Museum und einem Ort in der Stadt soll die 100 Sachen App besser erfahrbar machen.
Mit Smartphone und 100 Sachen App unterwegs in Hamburg
Natürlich konnten wir diese Beziehung nicht für alle Museumsobjekte in einer einzigen App abbilden, daher musste eine Auswahl getroffen werden. Alle Häuser, Hamburg Museum, Altonaer Museum und Museum der Arbeit, wählten insgesamt 100 Objekte aus ihren Ausstellungen und Sammlungen aus, die mit einem interessanten Ort in der Stadt in Verbindung stehen. Der App-Nutzer kann entweder zuerst ein Museum besuchen und dann die entsprechenden Orte aufsuchen oder genau anders herum, erst eine Tour durch die Stadt machen und sich bei Interesse auf die Suche nach den Objekten in einem oder mehreren der Museen begeben. Die Auswahl umfasst durchaus bekannte Objekte und Orte wie zum Beispiel den Schädel von Klaus Störtebeker, dem Piraten der in Hamburg hingerichtet wurde, oder die Ruine der Hauptkirche St. Nicolai, die heute als Mahnmahl dient, aber auch vieles das abseits des üblichen touristischen Hamburg Programms liegt. So soll die App alle ansprechen, die sich für die Geschichte der Hansestadt interessieren, Touristen, Neu-Hamburger und Alt- Eingesessene gleichermaßen. Und wer gerade nicht in Hamburg ist, der kann sich auch alles entspannt auf dem Sofa anschauen.
Ich habe mich für die Variante entschieden erst eine Tour durch die sonnige Stadt zu machen, mit einem Abschluss im Hamburg Museum. Auch wenn der Titel „Mit 100 Sachen durch Hamburg“ es vielleicht suggerieren mag, ich steige nicht ins Auto und gebe Gas sondern mache mich zu Fuß auf den Weg und nehme mir den ganzen Nachmittag Zeit. In der Hamburger Innenstadt ist die Objektdichte natürlich am höchsten und daher das beste Gebiet, um einen ersten Rundgang zu starten. Los geht es am Gänsemarkt, dann über den Jungfernstieg und die Bergstraße zur Petrikirche und dem Domplatz. Von hier weiter an der Hamburger Börse vorbei zum Nicolaifleet mit St. Nicolai, Alter Börse und neuer Burg. Dann wandere ich in die Speicherstadt am Brook entlang bis zum Sandtorhöft mit der Kehr-Wieder-Spitze. Die letzte Etappe wird dann das Hamburg Museum sein, das allerdings einige Kilometer entfernt ist. Also schnappe ich mir am Baumwall ein Leihfahrrad und bin nach knapp zehn Minuten am Museum angekommen.
Ziehung der Lottozahlen – früher öffentlich auf dem Gänsemarkt
Beim ersten Standort, dem Gänsemarkt, geht es nicht um historische Bauten sondern um Glücksspiel. Es war die Hansestadt in der 1614 die erste staatliche Lotterie stattfand, als der Hamburger Rat 1770 das Zahlenlotto einführte. Auf dem Gänsemarkt fand dann die öffentliche Ziehung der Lottozahlen statt. Und das hat sich bekanntlich bis heute als Konzept gehalten – allerdings im 20. Jahrhundert ins Fernsehen gebracht, wo es bis heute seinen festen Platz hat – natürlich für ganz Deutschland. In Hamburg wurden die Ziehungen in Lostrommeln allerdings nach wenigen Jahren aufgrund zahlreicher Bürgerproteste wieder eingestellt. Am Gänsemarkt selbst erinnert heute nichts mehr an die Lotterieziehungen aber alte Stiche zeigen was es für ein gut besuchtes Event war.
Am Jungfernstieg stehen Alsterpavillion und der Anleger der Alsterschiffe auf dem Plan. Das Hamburg Museum zeigt in seiner Ausstellung ein Element vom Geländer des Alsterpavillions aus den fünfziger Jahren. Die heutige Version vor Ort erscheint dagegen sehr sachlich, und Fahrräder müssen auf Anstand bleiben.
Heutiges Geländer am Alsterpavillion
Am Schiffsanleger kann man heute noch das historische Dampfschiff St. Georg für eine Alsterrundfahrt besteigen. Von dieser Sorte Alsterdampfer fuhren im späten 19. Jahrhundert um die 30 Exemplare auf der Alster und waren das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel. Sie wurden aber schon bald in ihrer Bedeutung von Strassenbahn und Bussen abgelöst. Aber bis heute kann man zum Einkaufsbummel ins Zentrum noch immer mit dem Alsterdampfer fahren.
Mit Petrikirche, Dom und St. Nicolai sind drei Kirchen die nächsten Stationen meiner Route. Eine ist noch komplett erhalten und in Betrieb, die zweite völlig verschwunden und die dritte eine Ruine und Mahnmal. Die Schicksale der drei Kirchen sind eng mit der Geschichte der Stadt verbunden. Der Hamburger Dom und besonders St. Nicolai repräsentieren den eher tragischen Teil davon. So wurde die ursprüngliche Kirche St. Nicolai zum ersten Mal beim großen Brand von 1842 zerstört und wieder aufgebaut, um dann nach den Bombenangriffen von 1943 erneut in Trümmern zu liegen. Diesmal wurde sie nicht wieder aufgebaut sondern wird mit dem noch intakten, restaurierten Turm als Mahnmal gegen Krieg und Gewaltherrschaft genutzt.
Alsterdampfer „St. Gerorg“
Den Hamburger Dom haben die Hamburger aber selbst abgerissen – sicher eher aus politischen und weniger religiösen Gründen. Die Kirche wurde 1806 abgerissen, nachdem sie in staatlichen Besitz übergegangen war. Den meisten wird der Hamburger Dom heute als Volksfest auf dem Heiligengeistfeld bekannt sein. Dieser „Dom“ hat tatsächlich seinen Ursprung im alten Mariendom, um den herum Marktleute, Gaukler und Handwerker schon im Mittelalter aktiv waren und wo sie auch vor schlechtem Wetter Schutz suchten.
Nachdem ich mir noch einige weitere Stationen am Nicolaifleet, um die alte Börse herum angeschaut habe, gehe ich weiter in Richtung Speicherstadt. An der Brooksbrücke angekommen ist es erst einmal Zeit, um Kaffee und Sonne zu genießen und zwischen Touristen aus aller Herren Länder zu sitzen und sich selbst wie einer zu fühlen. Wenn die Sonne nicht so üppig scheint bietet sich als Alternative die nahegelegene Kaffeerösterei am Kehrwider Nr. 5 an, die selbst auch eine der 100 Stationen der App ist. Von hier kann man auch einen lohnenden Abstecher ins Speicherstadtmuseum machen, denn über diesen Teil Hamburgs lohnt es sich mehr zu erfahren als unsere App vermitteln kann.
Die Kaffeerösterei am Kehrwider Nr. 5
Die letzte Outdoor-Station meiner Tour ist die Kehr-Wieder-Spitze, an der Mitte des 19. Jahrhunderts Abendrots Dampfmühle stand, eine der ersten Dampfmaschinen in Hamburg. Von hier hat man heute einen wunderbaren Blick über das Getümmel im und am Hafen und auf die jetzt schon fast fertig aussehende Elbphilharmonie.
Dieser Rundgang, der nur einen kleinen teil der 100 Sachen in der App ausmacht, zeigt schon eindrucksvoll, wie sehr sich das Bild der Hansestadt in den letzten 200 Jahren verändert hat. Teils durch drastische Zerstörungen, teils durch oft ebenso drastische städtebauliche Maßnahmen und wirtschaftliche Entscheidungen.
Jetzt hat mich aber auf jeden Fall die Neugierde gepackt, auch die Originale in den Museen zu suchen. Allerdings ist nur noch Zeit für eines der Häuser. Zu meinem heutigen Rundgang passt wie geplant sehr gut das Hamburg Museum, das nur wenige Kilometer entfernt liegt und mit dem Fahrrad bequem zu erreichen ist. Alternativ kann man auch mit der U3 vom Baumwall bis St. Pauli fahren.
Im Hamburg Museum schwenke ich direkt auf den stadtgeschichtlichen Rundgang ein, der am besten zu meinem heutigen Rundgang durch die Stadt passt. Und tatsächlich finde ich direkt viel Bekanntes wieder. Das Modell der alten Börse, Störtebekers Schädel, Das Gemälde vom großen Brand, die Decke des (nicht mehr vorhandenen) barocken Bürgerhauses Katharinenstraße 9 oder Überreste des Lettners vom Mariendom. Auch hier können die Beschreibungen in der App gut genutzt werden aber nach einiger Zeit taucht man tief in die vielen ausgestellten Objekte und Installationen ein und das Handy bleibt die meiste zeit in der Tasche.
Wiedererkannt – Modell der Alten Börse im Hamburg Museum
Ist das Konzept der App nun also aufgegangen? Durch die Zuordnung der Objekte zur heutigen Erlebniswelt in der Stadt kann man sicher einen deutlich besseren Bezug herstellen als dies allein in einer Ausstellung möglich ist. Wenn man den Stadtrundgang vorab macht, trifft man in der Ausstellung auf viele „alte Bekannte“. Das hat mir einen viel Besseren Zugang zur Geschichte der Objekte ermöglicht und das wiederfinden hat auch Spass gemacht. Aus meiner Sicht funktioniert die Idee, die musealen Objekte mit Orten in der Stadt zu verbinden sehr gut. Für die App selbst sind mir viele Ideen zur Verbesserung gekommen, am wichtigsten vielleicht ein Index der Orte und Objekte, eine einfache Suche oder Tourenvorschläge. Am dringlichsten ist aber sicher die Android-Version der App, die es leider noch nicht gibt.
Der Rundgang mit App hat auf jeden Fall viel Spaß gemacht und als nächstes stehen Altona, St. Pauli und Hafen an. Wir berichten dann natürlich hier im Hafenradio Bog.
Vielleicht laden und nutzen einige Leser unseres Blogs ja die 100 Sachen App und probieren es selbst aus. Wir würden uns sehr über Feedback, Kritik und Verbesserungsvorschläge hier in den Kommentaren freuen! Die App kann man kostenlos im Apple App Store runterladen.
Wir haben uns mit einem echten Hamburger Schöngeist getroffen, der, geboren in Cuxhaven das mit dem Amt Ritzebüttel aber durchaus auch mal über Hamburger Stadtgebiet verfügte, von klein auf in tiefstem Elbwasser unterwegs ist. Andreas Pfeiffer ist mit Herz und Seele in Sachen hamburgische Geschichte unterwegs und teilt diese Begeisterung mit einer großen Community auf Facebook und auf der brandneuen Website mein-altes.hamburg. Hier trägt er unzählige Bilder und Geschichten zusammen – ein Muss für jeden der sich für die Geschichte unserer Perle im Norden interessiert.
Hamburger Geschichten im Maybach
Unterhalten haben wir uns im Restaurant / Kneipe / Piranha Bar Maybach in Einsbüttel, was auch die zahlreichen Hintergrundgeräusche erklärt. Wir hoffen die Audioqualität ist trotzdem gut genug – denn zuhören lohnt sich – und das nicht nur für Hamburger.
Andreas Pfeiffer – oder doch Käpt’n Haddock – oder Käpt’n Daddeldu?
Andreas, Jahrgang 1964, in Cuxhaven geboren und in Blankenese aufgewachsen, lebt und arbeitet heute in Hamburg. Nach zehn Jahren im Süden Deutschlands ist wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt und nun wieder ganz nah an der Elbe. Andreas betreibt neben seiner Arbeit die Website mein-altes.hamburg und kümmert sich um die gleichnamige Facebook Seite.
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