Schlagwort: Streetart

  • HR034 – Planet Alsen

    HR034 – Planet Alsen

    30 Jahre Planet Alsen: Ein Lost Place mit Industrie- und Kulturgeschichte

    Für unser „come back“ haben wir uns zwei besondere Künstler an einem besonderen Ort vor das Mikrofon geholt: Setus Studt, der geistige Vater von Planet Alsen, und Mirko Reisser aka DAIM der Graffiti-Artist aus Hamburg, mit dem wir übrigens in Folge HR026 (HR026 Hamburg Graffiti – eine bunte Zeitreise) schon einmal gepodcastet haben.

    In der heutigen Folge geht es um einen Lost Place vor den Toren Hamburgs, der sich seit über 30 Jahren zu einem Hotspot der norddeutschen Sprayer-, aber auch der Lost-Place-Szene entwickelt hat. Wer auf Instagram das Hashtag #PlanetAlsen eingibt, findet schnell über 1000, oft sehr farbenfrohe Fotos dieser ehemaligen Industrieanlage bei Itzehoe.

    360° Graffiti im ehemaligen Schlämmbottich mit der Skulptur „Fönx“ von Robert Schad 

    Bevor wir zu unserer neuen Podcast-Episode kommen, eine kurze Erklärung, was „Planet Alsen“ überhaupt ist: Alles begann in der Kreidezeit vor etwa 66 Millionen Jahren. Meeresablagerungen aus der Kreidezeit bilden die Grundlage für die reichen Vorkommen an feiner weißer Schreibkreide im Raum Lägerdorf, unweit von Itzehoe, die ein Grundstoff für die Zementherstellung ist. Mit dem Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert steigt auch der Bedarf an Zement für den Bau von Industrieanlagen in den Städten. Es ist daher wenig verwunderlich, dass auch der industrielle Abbau von Kreide Mitte des 19. Jahrhunderts in Schleswig-Holstein beginnt. Im Jahr 1863 gründete der Namensgeber Gustav Alsen die Alsen’sche Portland-Cement-Fabrik bei Itzehoe. Das Unternehmen erlebte mit der Produktion des sogenannten Portlandzements einen schnellen Aufschwung. Über einen längeren Zeitraum exportierte es auch in Überseemärkte. Durch die Übernahme von Konkurrenten und deren Werken in Lägerdorf und Uetersen sowie durch zahlreiche Fusionen und Namensänderungen wurde aus den ursprünglichen Alsen’sche Portland-Cement-Fabriken im Jahr 2003 schließlich die „Holcim (Deutschland) AG“. Das Itzehoer Stammwerk von Alsen war allerdings bereits 1982 stillgelegt worden. Ein Großteil der ehemaligen Fabrikgebäude wurde später abgerissen, erhalten blieben jedoch die heutigen Gebäude von Planet Alsen.

    Setus Studt und Christoph in den Ausstellungsräumen von Planet Alsen

    Ein besonders auffälliges Bauwerk auf dem Gelände ist der letzte erhaltene Schlämmbottich. Es handelt sich dabei um eine Rotunde mit einem Durchmesser von 32 Metern. In ihr wurde der Zementschlamm, wie in einem riesigen Mixgerät, mit einem großen Rührstab durchgerührt und auf diese Weise homogenisiert. Heute bieten besonders die erhaltenen Wände dieser Rotunde eine ideale Fläche für Graffiti-Künstler:innen und Musiker:innen nutzen diesen Raum, da er aufgrund seiner Form einen besonderen Nachhall erzeugt.

    „Soundcheck“ im Schlämmbottich! 

    Heute sprechen wir mit Setus und Mirko über die Geschichte dieses faszinierenden Ortes, unternehmen einen Rundgang durch die Anlage und werfen natürlich auch einen Blick auf die Zukunft von Planet Alsen sowie die Ideen, die die beiden dazu entwickelt haben.

    Wer sich über Alsen informieren möchte, sollte entweder direkt nach Alsen kommen, -Kamera nicht vergessen! -, oder das Kreismuseum „Prinzeßhof“ in Itzehoe besuchen. 

    Dort ist der Geschichte dieses ehemaligen Zementwerks ein ganzer /ein eigener Raum gewidmet. 

    Unsere Gäste: Setus Studt (links) und Mirko Reisser

    Setus Studt 

    (Setus Studt – Planet Alsen)

    Setus, geboren 1954 in Itzehoe, ist freischaffender Künstler und Autodidakt, der seit 1985 die ehemalige Zementfabrik Alsen fotografisch dokumentiert. Was zunächst als Projekt zur Erhaltung der historischen Industrieanlage für die Nachwelt begann – angesichts eines geplanten Abrisses, der letztlich nur teilweise durchgeführt wurde –, entwickelte sich zu (s)einem umfassenden künstlerischen Projekt:

    Aus seinen dokumentarischen Fotografien entwickelte er das Projekt „Planet Alsen“ , das die geheimnisvolle Welt des ehemaligen Industriegeländes als inspirierenden Kulturraum zeigt. Die Fotografien dienen dabei als künstlerische Zeugnisse, die die einzigartige Atmosphäre des Ortes einfangen.

    Seit 2002 arbeitet er in einem Atelier direkt auf dem Alsen-Gelände und lässt sich weiterhin von der Umgebung kreativ inspirieren. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit engagiert er sich seit März 2003 als Ratsherr der Stadt Itzehoe und Mitglied des Kulturausschusses aktiv in der Kulturpolitik.

    Mirko Reisser (DAIM)

    (Mirko Reisser – DAIM)

    Mirko, 1971 in Lüneburg geboren, ist ein Künstler, der vor allem durch seine großformatigen Graffiti-Arbeiten im 3D-Stil weltweit bekannt geworden ist. Die wiederholte Darstellung und kreative „Zerlegung“ sowie „Rekonstruktion“ seines Künstlernamens DAIM prägen sein Werk.

    Bereits 1989 entstanden erste Graffiti-Arbeiten im öffentlichen Raum, übrigens auch auf Alsen. Ab 1996 studierte er Freie Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern in der Schweiz. Er lebt und arbeitet heute in Hamburg.

    Im Laufe seiner künstlerischen Karriere bereiste Mirko Reisser weite Teile der Welt und nahm an zahlreichen Ausstellungen in Museen und Galerien teil. Als Initiator und Mitorganisator hat er zahlreiche international beachtete Kunstprojekte realisiert, Ausstellungen kuratiert und Bücher herausgegeben. Viele dieser Projekte entstanden in Zusammenarbeit mit dem 1999 gegründeten Künstlerkollektiv getting-up.

    Zusammen mit den seit Ende der 1980er Jahre aktiven Graffiti-Writern Oliver Nebel, Frank Petering und Andreas Timm veröffentlichte er 2021 das umfassende Werk über Graffiti in Hamburg: „Eine Stadt wird bunt“. Im November 2022 wurde dazu die gleichnamige und viel beachtete Ausstellung (EINE STADT WIRD BUNT – SHMH) im Museum für Hamburgische Geschichte eröffnet.

    Links zum Thema

    Planet Alsen, Planet Alsen Vision, HR026 Hamburg Graffiti – eine bunte Zeitreise, EINE STADT WIRD BUNT – SHMH, Wikipedia: Itzehoe, Wikipedia: Alsen, Setus Studt – Planet Alsen, Mirko Reisser – DAIM, Vergängliche Graffiti Kunst. Planet Alsen in Itzehoe

  • HR032 – Framespotting

    HR032 – Framespotting

    Ein ganz besonderer Stadtrundgang durch Harburg

    Über ein Jahr Pandemie liegt hinter uns und ihr habt lange nichts von uns gehört. Heute haben wir endlich wieder jemanden vor dem Mikro und auf diesen Gesprächspartner haben wir uns besonders gefreut!

    Bierflasche aus Harburger Brauerei im Vordergrund - unscharf im Hintergrund Christoph mit Bild in der Hand
    Ein Bier aus einer hiesigen Brauerei darf nicht fehlen

    Die älteren Semester werden sich vielleicht erinnern, in den 1970er Jahren rief eine große Hamburger Tageszeitung zu einer Schnitzeljagd durch Hamburg auf. Die Leser*innen sollten den „Mann mit dem Koffer“ suchen und wer ihn als erster traf, durfte den Koffer, der mit einer gewissen Geldsumme gefüllt war, behalten. In der Zeitung fand man den einen oder anderen Hinweis zu dem Aufenthaltsort des „Manns mit dem Koffer“ und selbstverständlich waren es oftmals Orte, die den meisten Hamburger*innen bekannt waren. An diese Aktion fühlten wir uns sofort erinnert, als im Hamburg Journal des NDR das Projekt von Paul aka @framespotting_hh, so sein Instagram-Name, vorgestellt wurde.

    Im Tunnel unter der Buxtehuder Straße findet das erste Foto seinen Platz
    Im Tunnel unter der Buxtehuder Straße findet das erste Foto seinen Platz

    Paul ist Hobbyfotograf, der aus beruflichen Gründen in der Welt weit herumgekommen ist und auf seinen Reisen immer eine Kamera dabei hatte. Diese Fotos, zusammen mit den von ihm selbst entwickelten und gebauten Holzrahmen aus alten Pitchpine-Dielen, verteilt er auf langen Spaziergängen nicht nur in Hamburg, sondern auch auf seinen Reisen mit der Familie wie kürzlich ins Allgäu. So entstehen spontane Ausstellungen an zufälligen ausgewählten Orten im öffentlichen Raum und auf diese Weise hat Paul mittlerweile über 300 Fotos in die Welt getragen. Passanten, die diese Fotos in der Stadt finden und mit nach Hause nehmen möchten, sind dazu herzlich eingeladen.  Die einzige Gegenleistung, wenn man das überhaupt so bezeichnen darf, die der Fotograf Paul sich wünscht, ist, dass die neuen Besitzer*innen ihren Fund auf Instagram oder über seine Homepage (https://frame-spotting.com ) veröffentlichen.

    Bei bestem Wetter im Harburger Binnenhafen: auf der Zitadellen Brücke wird das zweite Foto angebracht
    Bei bestem Wetter im Harburger Binnenhafen: auf der Zitadellen Brücke wird das zweite Foto angebracht

    Seine Leidenschaft für die Fotografie und die Idee, die Fotos in die Stadt zu tragen, um sie dort zu verschenken, hat uns direkt angesprochen. Es ist Street Art der ganz besonderen Art, denn genau diese Idee, die analoge Kunst im städtischen Raum bereitzustellen und anschließend im, wenn man so will, digitalen Raum durch den Finder zu veröffentlichen, war für uns der Grund, Paul für einen Podcast zu gewinnen. Hinzu kommt, dass dieses Projekt noch einen spielerischen Aspekt hat, die die Finder*innen und Follower, davon gibt es mittlerweile einige, animiert, sich auf eine Art „Schnitzeljagd durch die Stadt“ einzulassen.

    Paul und Christoph von hinten su sehen - schauen auf die Brücke im Binnenhafen
    …und angespannt auf die Finder*innen gewartet!

    Für die heutige Folge unseres Hafenradios haben wir übrigens mit Paul einen Rundgang durch Harburg gewagt und dabei über sein Projekt, unseren Spaß an der Fotografie und, wie sollte es anders sein, die Stadtgeschichte von Harburg gesprochen. Mit dem Mikro in der Hand starteten wir am AMH und gingen zum Harburger Rathaus, von dort ging es zunächst zum Marktplatz Am Sand, dann an der Lämmertwiete vorbei und durch die Schloßstraße zum Kanalplatz im Binnenhafen. Die Harburger unter euch werden diese Route sicher kennen und vielleicht hat der eine oder die andere auch eines der beiden Fotos entdeckt, die Paul während der Tour gehängt hat. Bei diesem Gang durch die Gemeinde hatten wir uns viel zu erzählen und Harburg steuerte seinen ganz eigenen Sound dazu bei.

    Zitat

    Er sagt selbst: „Framespotting ist meine Art, Menschen meine Bilder näher zu bringen. Vor allem aber verschenke ich mit Framespotting Freude. Meine Galerie ist die Straße und diese Galerie ist oft nur sehr kurz präsent, denn jeder, der mein Bild findet, darf dieses auch behalten. Ich möchte mit Framespotting erreichen, dass Menschen mit offenen Augen durch die Welt gehen, mehr aufeinander achten und sich wieder über die kleinen Dinge des Lebens freuen. Framespotting soll etwas sein, worüber man sich noch lange zu Hause freuen kann.“

    Links zu den Themen
    Framespotting auf Instagram, Framespotting Home Page, Bericht Hamburg Journal des NDR, Bericht SAT1 Regional, Beitrag kiekmo „Fünf kleine Streetart Freuden in Hamburg“, Harburger Binnenhafen, Lämmertwiete Harburg – Wikipedia

  • HR026 Hamburg Graffiti – eine bunte Zeitreise

    HR026 Hamburg Graffiti – eine bunte Zeitreise

     

    Nachdem wir uns in unserem letzten Podcast mit Lost Places beschäftigt haben, sprechen wir diesmal über Streetart und Graffiti in Hamburg und greifen damit ein vielleicht nicht neues, dafür aber sehr junges stadtgeschichtliches Thema auf – besonders auch der Sicht von Archäologen für die das Mittelalter oft schon zu modern ist! Für uns, Christoph und Michael, entwickelte sich diese Hafenradio-Folge zu einer regelrechten Zeitreise in das Hamburg der 80er Jahre, eine Zeit, die uns beide geprägt hat. Beide haben wir quasi hautnah mitbekommen, wie die ersten Graffitis in Hamburg aufgetaucht sind. Musik von der Sugar Hill Gang oder Grandmaster Flash wurde in den Diskotheken (damals waren das noch keine Clubs) wie das Shave, das Bendula oder das Voilà aufgelegt.
    Eine Zeit, in der sich viel in Hamburgs Straßen getan hat. Neben Hip-Hop und Sprayern waren unterschiedliche Gruppen unterwegs – Stichwort Popper, Mods, Punks – und in vielen Stadtvierteln gaben Jugendgangs den Ton an wie die Streetboys oder Champs.

    Mirko und Christoph im Atelier in Hamburg Rothenburgsort
    Mirko und Christoph im Atelier in Hamburg Rothenburgsort

    Wir unterhalten uns in Ausgabe #026 mit Mirko Reisser aka DAIM, der selbst seit 1989 als aktiver Sprayer und Graffiti-Künstler nicht nur in Hamburg unterwegs ist. Unterstützt werden wir von Meike Schade, die uns mit Mirko zusammengebracht hat und uns als Co-Moderatorin ergänzt. Meike, Jahrgang 1984, selbst hat zwar die 80er Jahre nicht „aktiv miterlebt“, ist aber von der Szene seit Kindertagen fasziniert. Die studierte Kunstwissenschaftlerin ist heute hauptamtlich Programmplanerin für die Hamburger Volkshochschule und beschäftigt sich mit Digitalisierung in der Kulturvermittlung. Aus Leidenschaft für Graffiti hat sie auch zahlreiche Führungen und Workshops zum Thema gegeben. Ihre Masterarbeit hat sie über ein Mural Art Projekt mit der spanischen Künstlergruppe Boa Mistura in Kapstadt geschrieben.

    Meike Schade
    Meike Schade

    Mirko ist heute als Künstler sehr erfolgreich und – das freut uns besonders – hat mit einigen Mitstreitern (Andreas Timm, Oliver Nebel, Frank Petering) am 28. August ein Crowdfunding mit dem Titel „EINE STADT WIRD BUNT“ gestartet. Dabei geht es um ein Buchprojekt zu den Anfängen der Graffiti- und Hip-Hop-Szene in den 80er und 90er Jahren in Hamburg.

    Mirko Reisser
    Mirko Reisser

    Wer noch eines der Hardcover-Exemplare oder die Collectors Edition, die es nur beim Crowdfunding unter https://startnext.com/einestadtwirdbunt geben wird, ergattern möchte, kann sich noch bis zum 6. Oktober 2019 beteiligen. Ihr könnt auf diese Weise aber auch, quasi als Dankeschön für Eure Unterstützung, exklusive FineArt Prints erwerben oder eine spannende Graffiti-Tour durch die Schanze buchen!

    Frühe Ausgaben von Graffiti Magazinen
    Frühe Ausgaben von Graffiti Magazinen

     

    Links zu den Themen
    Graffiti, EINE STADT WIRD BUNT, Mirko Reisser auf Wikipedia, Homepage von Mirko Reisser, Wie Graffiti nach Europa kam – Eine Dokumentation auf Arte, artcrimes –> graffiti.org, Interview with Susan Farell – first Webmaster od „artcrimes“ Website, Digitalisierung – SoKo Graffiti – InGriD KIT, Eine Stadt wird bunt – Reeperbahn Festival, Eine Stadt wird bunt – auf Startnext, Künstlergruppe Boa Mistura, Zeit Interview – Gangsters in Paradise, St. Pauli Champs – Jugendgangs in den 80ern, The Shugarhill Gang, Grandmaster Flash

     

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    Michael Merkel
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    Christoph Haffner
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    Meike Schade
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    Mirko Reisser

  • HR025 Lost Places

    HR025 Lost Places

     

    Das Hafenradio betritt mit seiner Folge 25 vergessenes Land. Diesmal geht es weder um Archäologie noch Museum oder um (Stadt-)Geschichte. Und unseren Gast Marcus Burzinski haben wir ebenfalls auf neue Art und Weise „shanghait“. Er wurde von Michael auf Instagram gefunden und kontaktiert, da er sich dort als Fotograf in einem besonderen Genre tummelt. Marcus aka razonimagelab, ein echter Hamburger Jung‘ aus „Finkwarder“, fotografiert mit Vorliebe sogenannte „Lost Places“. Schon deshalb ist unsere neue Folge anders als die anderen, sie beginnt als ein Mini-Instameet, natürlich in einem Lost Place.

    Unser Gast: Marcus Burzinski
    Unser Gast: Marcus Burzinski (Instagram @razonimagelab)

    Erstmal ist aber zu klären, was genau ein Lost Place ist. Wikipedia schreibt dazu: „Der Ausdruck Lost Place ist ein Pseudoanglizismus und bedeutet sinngemäß ‚vergessener Ort‘. (…) Meistens handelt es sich um Bauwerke aus der jüngeren Geschichte, die entweder noch nicht historisch aufgearbeitet (bzw. erfasst) worden sind oder aufgrund ihrer geringen Bedeutung kein allgemeines Interesse finden und daher nicht als besonders erwähnenswert gelten.(…)“.
    Kurz gesagt, geht es um verlassene Gebäude, oftmals stillgelegte Fabriken, die von der Natur zurückerobert und teilweise von der Graffitiszene eingenommen werden.

    Vogelperspektive: Eine verlassene Fabrikhalle mit einem Graffiti von Plotbot KEN
    Vogelperspektive: Eine verlassene Fabrikhalle mit einem Graffiti von Plotbot KEN (Instagram @ken_plotbot)

    Lost Places sind momentan übrigens sehr populär! Möbelhäuser verkaufen in ihren Dekoabteilungen aufwendig gerahmte Hochglanzdrucke von verlassenen Klöstern oder Herrenhäusern, Fotowettbewerbe auf den sozialen Plattformen und auch Ausstellungen widmen sich mittlerweile ebenfalls diesem Thema. Die Suche nach verlassenen Orten wird als „urban exploration“, kurz „urbex“, bezeichnet und ist längst Hobby einer recht großen, internationalen Community geworden. Allein das Wort „exploration“ (Erkundung) spiegelt den Abenteuergeist wider, der die Lostplacehunters antreibt.

    Herrschaftlich: Entree eines Herrenhauses in Nordwestmecklenburg.
    Herrschaftlich: Entree eines Herrenhauses in Nordwestmecklenburg.

    Um in die richtige Stimmung zu kommen, haben wir uns mit Marcus zunächst in einem Lost Place in Harburg getroffen, ein wenig fotografiert und „Lost Place-Atmosphäre“ aufgenommen. Wie aus der Zeit gefallen wirken die Räume einer seit 2009 aufgegebenen Fabrik auf uns.

    Freiräume: Der Charme von verlassenen Fabrikräumen aus dem frühen 20. Jahrhundert.

    Freiräume: Der Charme von verlassenen Fabrikräumen aus dem frühen 20. Jahrhundert.

     

    Freiräume: Der Charme von verlassenen Fabrikräumen aus dem frühen 20. Jahrhundert.
    Freiräume: Der Charme von verlassenen Fabrikräumen aus dem frühen 20. Jahrhundert.

    Die Atmosphäre von einerseits Vergänglichkeit der Bauten und andererseits Kraft der Natur, die bei der ersten Gelegenheit auf Beton wieder Leben erschafft, nahmen uns vollkommen ein. Dass in diesen Gebäuden vor gar nicht allzu langer Zeit hunderte Menschen gearbeitet haben, ist in allen Räumen zu spüren.

    Durchblick: Toiletten und Waschraum einer „nachgenutzten“ Fabrik.
    Durchblick: Toiletten und Waschraum einer „nachgenutzten“ Fabrik.

    Die Toiletten in den heute weitgehend zerstörten Waschräumen, vergessene Unterlagen in einem Aktenordner auf der Fensterbank einer Maschinenhalle  oder die durchgetretenen Stufen der Treppen  – all das wirkt wie eine Zeitkapsel.

    Dokumentiert: Aktenordner mit Unterlagen zu verwendeten Inhaltsstoffen.
    Dokumentiert: Aktenordner mit Unterlagen zu verwendeten Inhaltsstoffen.

    Aufstieg: Treppenhaus mit Graffiti
    Aufstieg: Treppenhaus mit Graffiti

    Wie schnell der Verfall dieser teilweise bereits Anfang des 19. Jahrhunderts gebauten Gebäude einsetzt, ist deutlich zu sehen und zu fühlen: Wir treten auf zerbrochenes Glas, in den Kellern steht das Wasser und besonders eindrucksvoll ist eine kleine, leuchtendgrüne Farnpflanze, die ihre ökologische Nische auf dem vom Regen nassen Teppich eines ehemaligen Büros gefunden hat.

    Nature strikes back: Farn und Spraydose in einem ehemaligen Büro.
    Nature strikes back: Farn und Spraydose in einem ehemaligen Büro.

    Das Phänomen „der künstlerischen Nachnutzung“ durch Graffitisprayer begegnete uns ebenfalls in den meisten Räumen. Die vielfach eindrucksvollen Pieces gehen häufig auf die Architektur ein und geben der Ästhetik des Verfalls eine bunte, schmückende, fast tröstliche Note.

    Farbig: Streetart auf Kantinentür und im Labor der Fabrik.

    Farbig: Streetart auf Kantinentür und im Labor der Fabrik.
    Farbig: Streetart auf Kantinentür und im Labor der Fabrik.

    Unser anschließender Podcast zeigte, dass sich die Vorstellungen und Welten von Archäologen und Lost Place-Jägern kaum unterscheiden. Wir betreiben jeder auf seine Art eine Spurensuche, bei der wir uns nicht nur die die Frage stellen, wer an den von uns besuchten Orten gearbeitet oder gelebt hat, wir sind auch Dokumentierende dieser verlorenen Orte.

    Unberührt: Die Speisekammer eines verlassenen Bauerhauses.
    Unberührt: Die Speisekammer eines verlassenen Bauerhauses.

    Sicherlich haben wir verschiedene Ansprüche an die Art und Weise des Umgangs mit diesen Plätzen! Wie sich die Ansprüche von Urbexern und Archäologen unterscheiden, war auch Thema des Gesprächs mit Marcus.
    Und was machen nun Archäologen, die sich zum einen professionell mit oftmals vorgeschichtlichen Lost Places beschäftigen dürfen und gleichzeitig liebend gerne verlassene Orte fotografieren? Sie laden sich einen Urban Explorer ein und reden mit ihm darüber – seht und hört selbst.

     

    Links zu den Themen

    Lost Places, Urban Exploration, Graffiti, Hamburg Finkenwerder, razonimagelab auf Instagramm, razonimagelab Website, Zimmer eines französischen Soldaten von 1914 (spiegel-online), Publikation der Universität Hamburg zum Thema

     

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    Michael Merkel
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    Christoph Haffner
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    Marcus Burzinski

  • Streetart in Hamburg mit  der Fundpunkte App – Finaler „Reality Check“

    Streetart in Hamburg mit der Fundpunkte App – Finaler „Reality Check“

    Unsere App „Fundpunkte“ hat es jetzt endlich in den Apple-Approval Prozess geschafft – es gab da in der Tat einige Verzögerungen. Aber jetzt sind die Inhalte komplett, alle Fehler und Unklarheiten beseitigt und den ein oder anderen Fundpunkt in Hamburg habe ich auch schon vorab besucht.

    Jetzt war es aber an der Zeit vor dem ersten Fundpunkte Release einen umfangreicheren Test zu machen, ob die App auch hält was sie verspricht, nämlich dem Benutzer besondere Orte in Hamburg zu zeigen. Orte, die abseits der üblichen Touristenrouten liegen – Orte, die viel über die Stadt erzählen.
    Wir haben uns also zu zweit am Sonntag Mittag aufgemacht, um mehr über Hamburgs Streetart zu erfahren – mit dem Ziel Schanzenviertel und St. Pauli. Nicht wirklich überraschend, das sich hier die Streetart Punkte häufen.

    Wir starten beim alten Schlachthof und wollen zuerst ein sogenanntes „Paste-Up“ des Berliners Streetart Künstlers El Bocho finden, von dem es in Hamburg einige seiner „Großstadtmädchen“ und „Little Lucys“ geben soll. Nebenbei bemerkt, weder ich noch meine Frau würden uns als Streetart-Kenner bezeichnen – eher als absolute Laien, was die Sache aber umso spannender macht.

    Schon in der Susannenstraße begegnet uns El Bocho an unterschiedlichen Ecken, und in der Rosenhofstraße finden wir dann auch das tolle Pasteup eines seiner Großstadtmädchen. Es funktioniert tatsächlich sehr gut. Das was wir in so kurzer Zeit gelernt haben, hat schnell den Blick sensibilisiert und wir finden noch mehr Little Lucys.

    Sternfahrt Hamburg - "Großstadtmädchen" von El-Bocho    
    Sternfahrt Hamburg - "Großstadtmädchen" von El-Bocho„Großstadtmädchen“ von El-Bocho

    Wir ziehen weiter zum Schulterblatt, wo uns die App eine „Styrodur-Rakete“ von der Zipper Crew verspricht. Wir finden sie direkt neben der Roten Flora. Jetzt weiter in die Lippmannstraße wo uns in einem Hinterhof ein riesiges Mural von Innerfields erwartet, das real weitaus beeindruckender ist als auf dem Foto in der App. Dank der sehr guten Beschreibungen und Bilder von Sebastian Hartmann, der uns freundlicherweise den Streetart-Content zur Verfügung gestellt hat, ist man schnell mit den Begriffen vertraut und versteht sofort was hier überall an den Häuserwänden zu finden ist.

    Sternfahrt Hamburg - "Styrodur-Raketen" von der Zipper Crew   
    Sternfahrt Hamburg - "Styrodur-Raketen" von der Zipper Crew„Styrodur-Raketen“ von der Zipper Crew

    Von hier aus geht es jetzt weiter in Richtung Wohlwillstraße und auf dem Weg finden wir eine weitere Zipper-Rakete an der Ecke Thadenstraße, die nicht in der App verzeichnet ist. Es ist ein großer Spass, wenn sich hinter jeder Straßenecke etwas neues zu verstecken scheint – eine echte Entdeckungstour.

    Die nächste Station ist ein weiteres Mural in der Otzenstraße von Björn Holzweg in Kooperation mit Viva con Agua. Hier reicht der Handy-Akku gerade noch für ein Foto einer speziellen „Zufallsinstallation“ mit Müllsäcken und dann ist der Bildschirm schwarz – das handy mausetot. Manchmal hat Papier doch noch ein paar Vorteile.

    Sternfahrt Hamburg - Mural in der Otzenstraße / Björn Holzweg        Sternfahrt Hamburg - "Zufallsinstallation" Porzellanengel liegt auf Müllsäcken
    Mural in der Otzenstraße / Björn Holzweg & „Zufallsinstallation“

    In der Summe hat die App aber den ersten Einsatz unter realen Bedingungen gut bestanden. Jetzt hoffen wir das wir sie bald zum Download bereitstehen haben und sind gespannt auf Feedback!